Die Eltern Liobas aus der Nation der Angeln waren von edlem Geschlecht und beide waren eifrig bestrebt, die Gebote Gottes zu achten. Als sie aber alt und noch immer ohne Kinder waren, träumte die Mutter, sie habe das Kirchenzeichen, das man gewöhnlich Glocke nennt, in ihrer Brust und ziehe es tönend heraus. - Sie erzählte ihrer Amme den Traum. Diese sprach: "Wir werden noch aus deinem Leib eine Tochter hervorgehen sehen, die du jetzt schon dem Herrn weihen sollst."
aus der Vita Liobas des Rudolf von Fulda
Die heilige Lioba wurde um 710 in Wessex (Südengland) geboren. lhre Eltern Dynne und Aebbe gehörten dem höheren Adel an. lm Benediktinerinnenkloster Wimborne wurde der jungen Lioba eine umfassende Ausbildung zuteil und später das Amt der Lehrerin übertragen. Einem eigenen Wunsch gemäß folgte sie um 740 mit einigen Gefährtinnen dem Ruf ihres Verwandten, des hl. Bonifatius, und kam nach Germanien / Deutschland. Hier wird ihr die Leitung des Frauenklosters Tauberbischofsheim übertragen.
Bonifatius schickte Gesandte mit Briefen an die Äbtissin Tetra und ersuchte sie, ihm zum Trost in seiner Pilgerschaft und zur Unterstützung in der ihm übertragenen Gesandtschaft die Jungfrau Lioba herüberzusenden, von der der Ruf der Heiligkeit und ihrer Tugenden Lehre damals durch weite Lande erschollen war und mit ihrem herrlichen Lobe viele Herzen erfüllt hatte. — Als Lioba angekommen war, nahm sie Bonifatius in Ehrerbietung auf und bestimmte sie zur geistlichen Mutter der Jungfrauen und übertrug ihr das Kloster Bischofsheim.
aus der Vita Liobas des Rudolf von Fulda
In der Folgezeit nimmt Lioba eine herausragende Stellung unter den Frauen im Umfeld des hl. Bonifatius ein. Bonifatius suchte in Lioba wohl bewusst eine Person, die ihn ergänzte. Seine Genialität lag im Organisatorischen, intellektuell reichte er vermutlich nicht an Lioba heran. Sie setzte ihre umfassende Bildung gezielt ein, um kirchliches und kulturelles Leben nach den Wirren der Völkerwanderung neu bzw. überhaupt erstmals zu etablieren.
Lebe wohl. In längerer Zeit und in einem glücklicheren Leben. Möge der Allmächtige, der allein alles geschaffen hat, der im Reiche des Vaters immer im Lichte strahlt, wo immerfort die Herrlichkeit Christi herrschen möge, Dich stets unversehrt bewahren noch ewigem Rechte.
Segensgebet Liobas für Bonifatius bald noch 732
Im näheren und weiteren Umfeld von Tauberbischofsheim erfolgten weitere Klostergründungen (u. a. in Kitzingen und Ochsenfurt), die unter die Leitung von Frauen gestellt wurden, die aus dem Wirkungskreis Liobas stammten und für die Lioba wohl eine übergeordnete Verantwortung trug. „Mehr vorsehen als verstehen“ — von dieser benediktinischen Grundregel legte Lioba als Äbtissin ein glaubwürdiges Zeugnis ab.
Ein zum Knäuel aufgewickelter Faden verweist auf eine andere, in ihrer Biografie überlieferte Geschichte:
Ihr sei, ebenfalls im Traum, ein roter Faden aus dem Mund gekommen, den sie zu einem Knäuel aufwickelte. Eine ihrer Mitschwestern im Kloster sah in dem roten Faden ein Zeichen, dass ihre Weisheit, die aus dem Inneren komme, an alle Menschen weitergegeben werden solle. Mit der Ausbildung zahlloser junger Klosterfrauen kam Lioba dieser Bestimmung nach.
Ihr Chronist weiß zu berichten: „Fürsten liebten sie, Bischöfe nahmen sie freudig auf und beredeten sich mit ihr über das Wort des Lebens.“ Glaubensverkündigung und Nächstenliebe, verantwortliche Leitungsaufgaben und gottesdienstliche Gemeinschaft entfalteten sich bei Lioba zu einer lebendigen Einheit. Ihrem tatkräftigen Engagement ist die Entfaltung einer eigenen benediktinischen Lebensform weiblicher Religiosen in deutschen Regionen zu verdanken.
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe und nach dem Evangelium.“
Bonifatius in einem Brief an Lioba, um 735
Vor seinem Märtyrertod hatte der hl. Bonifatius seiner engen Mitarbeiterin sein Mönchsgewand überreicht und ausdrücklich darum gebeten, Lioba nach ihrem Tod bei ihm im Grab beizusetzen, „damit sie, die in gleicher Weise im Leben Christus gedient hatten, auch zusammen den Tag der Auferstehung erwarten.“ Diesem Wunsch wurde jedoch nicht entsprochen, nachdem Lioba - am 23. oder 28. September 782 in Schornsheim bei Mainz verstorben war. Hier zeigten sich erste Auswirkungen in der Veränderung der Kirchenorganisation nach Bonifatius Tod: Frauen vermochten nun nicht mehr die souveräne Rolle einzunehmen, die sie in der Missionsbewegung des 8. Jahrhunderts spielten.
Liobareliquien am Liobaaltar in der Stadtkirche St. Martin -
seit 1655 in Tauberbischofsheim
Liobas Grabstätte befindet sich heute auf dem Petersberg bei Fulda. Die von baulichen Veränderungen fast unberührte Krypta enthält Reste von Wandmalereien, die zu den ältesten in Deutschland gehören. In Tauberbischofsheim wird seit 1655 eine große Reliquie der Heiligen verehrt: ein Schulterblatt, das in einem Glasschrein im Liobaaltar der Stadtkirche verwahrt wird. Das ist im Übrigen das einzige authentische Zeugnis dieser bedeutenden Persönlichkeit der Stadtgeschichte. lhr Kloster, das im 9. Jahrhundert bald untergegangen sein muss, ließ sich bis heute archäologisch nicht lokalisieren. Die heilige Lioba wird oft mit einer Glocke dargestellt, weil sie im Traum mit diesem Kirchenzeichen ihrer Mutter angekündigt wurde. Auch hält sie oft ein Buch in der Hand, es verweist auf Liobas Belesenheit und auf ihre breite Bildung.
Die tiefe Verbundenheit zwischen der Stadt und der großen Frauengestalt des 8. Jahrhunderts wurde 2005 feierlich beurkundet, indem Lioba auch offiziell zur Schirmherrin (patrona urbis Tauberbischofsheim) ernannt wurde.
Textquellen z.T. aus einem Flyer zur Hl. Lioba von Dr. Peter Zürcher








