Kirche – Das Land, in dem für immer Frühling ist

14.04.2024 | Leitgedanken

von Dr. Robert Koczy, Pastoralreferent

Die Festtagsglocken läuten – Weißer Sonntag. Unter den Klängen der Blaskapelle ziehen die Kommunionkinder feierlich in die Kirche ein. Alle haben sich schick gemacht. Haben sich über Monate vorbereitet, heute zum ersten Mal den Leib des Herrn zu empfangen. Endlich zur Gemeinde derer, die von Jesus begeistert sind, ganz dazu zu gehören …
 
Im Juli wird sich das Bild, etwas abgewandelt, wiederholen. Dann werden es Jugendliche sein, die unter peppigen Klängen einer Kirchenband in den Bänken auf den Einzug des Bischofs warten. Auch sie haben sich über Monate vorbereitet, das letzte Sakrament, das die Kirche für die volle Mitgliedschaft vorsieht – die Firmung – zu empfangen.
 
Es hat schon was, alle paar Jahre mit einem neuen Schritt herausgefordert zu sein, sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen.
 
Wenn es gut geht, werden sie in ein paar Jahren wieder in die Kirche einziehen und am Traualtar ihren Ehebund schließen, mit dem kirchlichen Segen ihre Beziehung verbindlich machen und fortan, wie es so schön im Trauritus heißt, „als christliche Eheleute“ ihr Leben bestreiten und „die Kinder, die Gott ihnen schenken möge, im christlichen Glauben zu erziehen.“
 
Und dann wird sich mit den eigenen Kindern das wiederholen, was sie selbst durch Kindheit und Jugend an kirchlicher Sozialisation erlebt haben – angefangen mit der Taufe.
 
Liebe Gemeinde, über Jahrhunderte hinweg hat Kirche so funktioniert, wurde Glaube etappenweise von Generation zu Generation weitergegeben.
 
Und heute? Ja, Es gibt sie immer noch, die Familien in denen das so klappt. Doch, wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: Es funktioniert nicht mehr wirklich. Es werden mit jedem Durchgang weniger, weniger Kinder und Jugendliche, die auf diesem Weg in Kirche „kleben bleiben“.
 
Die Gründe hierfür sind sicher vielschichtig: Genannt wird immer wieder das Überangebot und die Überbeanspruchung heutiger Kinder und Jugendlicher von Schule, Hobby und Freizeitindustrie bzw. die mangelnde Freizeit, z.B. im Blick auf das G8-Gymnasium und vieles mehr.
 
Und doch glaube ich, dass wir letztlich bei uns selbst, bei uns als Kirche, suchen müssen. Ich meine damit nicht, dass wir vor Ort schlechte Arbeit machen. Ich glaube, noch nie haben wir uns so sehr gemüht, mit ansprechenden und religions- und erlebnispädagogisch ausgefeilten Formaten auf die Sakramente vorzubereiten wie heute – und das trotz abnehmender personeller Ressourcen. Ich denke das Problem ist von viel grundsätzlicherer Natur.
 
Wir sind als Kirche irgendwie stecken geblieben zwischen Ostern und Pfingsten: Die Botschaft ist da, auch die Gewissheit, dass sie stimmt und dass sie die Welt retten könnte. Viele haben es am eigenen Leib erlebt. Und doch sitzen wir vielfach wieder wie die Jüngerinnen und Jünger hinter unseren abgeschotteten (Kirchen-)Türen und warten, dass sie der hl. Geist aufstößt und uns neue Mitglieder zuspielt.
 
Die Frage ist nur, ob wir ihn tatsächlich einlassen (wollen)? Ob er nicht schon rüttelt, aber wir krampfhaft die Tür zuhalten, aus Angst, er könnte etwas von den uns liebgewonnenen Gewohnheiten, wenn nicht gar alles, durcheinanderwirbeln.
 
"Es bräuchte für Kirche einen neuen Frühling", sagen manche, so wie es Mitte der 1960er Jahre mit dem 2. Vatikanischen Konzil einen gab: Eine grundlegende Erneuerung oder besser: "Verheutigung" von Kirche (Papst Johannes XXIII hat damals den Begriff des "Aggiornamento" geprägt).
 
Statt dessen hat man Inzwischen immer häufiger das Gefühl, dass uns andere die Butter von Brot nehmen und unsere ureigenen Themen besetzen und damit Menschen aus der Seele sprechen und ihrer Sehnsucht eine Stimme geben - wie Soffie in Ihrem Lied „Für immer Frühling“, das zur Hymne der Anti-AfD-Bewegung geworden ist.

"
Ich hab neulich geträumt von einem Land, in dem für immer Frühling ist
Keiner hier, der hungert, und niemandem ist kalt ...

In das Land, in dem
für immer Frühling ist, darf jeder komm'n und jeder geh'n,
denn es gibt
immer ein'n Platz am Tisch

In dem Land, in dem die
Sommer kühler sind hab ich keine Angst zu sagen, was ich fühl ….
Keiner ist im Soll, sag mir
einfach, was du brauchst“
aus: "Für immer Frühling" (Soffie)
 

Offensichtlich ist der Heilige Geist nicht auf uns als Kirche angewiesen, um seine Botschaft unter die Menschen zu bringen. Passen wir auf, dass wir uns nicht überflüssig machen.
 
Ihr Robert Koczy, Pastoralreferent

  

Dr. Robert Koczy

Pastoralreferent mit Dekanatsauftrag
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