Dankbarkeit

21.09.2025 | Leitgedanken

von Wolfgang Eitzenberger, 
Gemeindereferent

Der Sommer ist vorbei, der Herbst ist da. Die Ernte ist eingefahren, die Felder und Wiesen sind gedroschen, gemäht und umgegraben worden. Die Obstbäume sind abgeerntet; Sträucher, Büsche und Bäume entledigen sich langsam ihrer Blätter. Die Getreidesilos sind voll, die Keller ebenso: Kartoffeln, Getreide, Kürbisse, Äpfel, Birnen und Nüsse - bevor der Winter Einzug hält, ist es nun an der Zeit, einmal innezuhalten.
 
Erntedank lädt ein, sich selbst zu sammeln und dankbar zurückzublicken auf all das Gute im letzten Jahr. Wie sieht meine persönliche Bilanz aus? Bin ich mit meinem Leben zufrieden? Manches könnte besser sein. Doch eigentlich geht es mir schon gut – es gibt vieles, für das ich danken kann.
 
Etymologisch kommt das Wort „danken“ von „denken“. Eine wunderbare Bedeutung finde ich: Denke ich richtig über mein Leben? Nehme ich wahr, was mir täglich geschenkt wird und was mir geschenkt wurde? Weiß ich mich verbunden mit allem Lebenden auf dieser Erde?
 
Ich denke an Worte, Lieder und Gesten anderer Menschen, die gutgetan haben, die Wärme und Licht ins Leben gebracht haben, an die Gaben der Natur, die Leib und Seele nähren. Ein dankbarer Mensch denkt sein Leben vom Geschenk her. Dankbarkeit ist etwas, das uns menschlich macht, so wie wir sein sollen. Auch die moderne Psychologie hat gezeigt, dass dankbare Menschen glücklicher und weniger depressiv sind. Sie leiden weniger unter Stress und sind zufriedener mit ihrem Leben und ihren sozialen Beziehungen. Sie gehen leichter mit schwierigen Situationen um. Dankbare Menschen schlafen besser, vermutlich weil sie weniger negative Gedanken vor dem Einschlafen haben.
 
Dankbarkeit schützt laut einer Studie der University of California sogar das Herz. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind. Das wusste man schon immer. Der römische Philosoph Cicero meint: „Dankbarkeit ist nicht nur die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller anderen."
 
Ich vermute, dass Danken-Können auch mit dem Älterwerden zu tun hat. Wenn man älter wird, schaut man auf die Ernte seines Lebens und zieht Bilanz. Die Ernte beendet einen Zyklus. Mit der Ernte ist die Zeit des Wachsens und Gedeihens vorbei. Nach der Ernte wird die Spreu vom Weizen getrennt. Es ist nicht alles Frucht, was in der Zeit gewachsen ist.
 
Bilanzen ermöglichen Einblicke. Das gilt auch für Lebensbilanzen. Zur Lebensbilanz gehört auch das, was verkümmert oder gar nicht gewachsen ist, wo es die Ernte verhagelt hat. Wer kann schon Dankbarkeit empfinden für eigenes Versagen, für Krankheit oder schlimme Schicksalsschläge? Bilanzen schließen alles ein, das Positive und das Negative. Die dunklen Seiten des Lebens werden nicht ausgeblendet. Sie bekommen im Glauben an Gott aber eine hoffnungsvollere Perspektive.
 
Das Danken nicht zu vergessen heißt, eben einen Rast- und Uferplatz zu finden, an das zu denken, was das Leben erhält und worin es wurzelt, aufzuatmen und am nächsten Abend wieder zum Danken zurückzukehren: „In deine Hände, Gott, lege ich mein Leben.“ Darin liegt Wegzehrung für leichte und schwere Zeiten. Beten wir also darum, dass wir dankbar sein können, nicht nur an Erntedank, sondern an allen Tagen unseres Lebens.
 
An dieser Stelle möchte ich schon mal all jenen Dank sagen, die sich in unseren Pfarreien um die Erntedankaltäre kümmern. Die sich Wochen vorher schon Gedanken machen, entsprechende Dekorationen gestalten und aus ihrem Garten die schönsten Früchte mitbringen – DANKE für all Ihre Mühe!
 
Ihr und Euer Wolfgang Eitzenberger

  

Wolfgang Eitzenberger

Gemeindereferent
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