Namasté

02.06.2025 | Leitgedanken

von Günter Stauß,
Klinikseelsorger

„Namasté“ - wörtlich übersetzt: „Ich verbeuge mich vor Dir!“ heißt der Gruß der allen „Yogis“ bekannt ist. Während einer Verbeugung mit dem Kopf werden die Handinnenflächen aneinander gelegt mit den Fingerspitzen nach oben und vor das Herz gehalten. In Indien wird dieser Gruß so selbstverständlich und alltäglich gebraucht, wie bei uns ein „Hallo“. Eine andere Übersetzung greift eine Überzeugung aus dem Hinduismus auf. In jedem Menschen steckt ein göttlicher Funke: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir!“
 
Der christliche Mystiker Meister Eckhart schreibt von seinen Erfahrungen des „göttlichen Funken der Seele“. Ein Punkt in unserem Inneren, der unverletzlich ganz Gott gehört, über den wir nicht verfügen können, von dem Gott aber unser Leben fügt. Ist das nicht wunderbar, dass Menschen unterschiedlicher Religionen spirituelle Erfahrungen machen, die so nah beieinander sind, dass selbst die Versuche es auf den Begriff zu bringen, ganz ähnlich klingen?
 
Namasté - Dieser Gruß atmet Achtsamkeit, Wertschätzung dem anderen und mir selbst gegenüber, Dankbarkeit Teil der Schöpfung sein zu dürfen, ein Kind Gottes mit unbedingtem Selbstwert und Würde.
 
Stellen Sie sich vor, dieser göttliche Funke in jedem Menschen könnte nach außen leuchten. Thomas Merton schreibt: „Alle Lichtpunkte auf der Welt würden sich zu einer großen Sonne vereinigen, die alle Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens restlos verscheucht.“
 
Was wäre alles anders, wenn wir das Göttliche in uns selbst und in den Menschen um uns herum sehen könnten? Ich fühle mich nicht klein. Ich vergleiche mich nicht und bewerte nicht wer oder was besser, größer, ehrenwerter ist. Ich bin selbstbewusst. Ich habe keine Angst zu kurz zu kommen. Ich teile. Ich begegne jeder Person mit Respekt und Achtung. Ich fühle mit. Ich will nicht Recht haben, sondern verstehen. Ich will nicht kämpfen, sondern in Frieden und Freundschaft leben.
 
Ist es das, was Papst Leo XIV. vor Augen steht, wenn er die Rolle des Vatikans als „Dienst an der Menschheitsfamilie“ sieht und als zentral dabei den „Dialog der Religionen“? Löst dieser göttliche Funke in uns das „brennende Herz“ aus, das Menschen dazu motiviert, in Gesellschaft und Kirche Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren, ehrenamtlich, beruflich oder sich durch die Weihe in Dienst nehmen zu lassen?
 
Leitet uns das Bild des Göttlichen in jedem Menschen, wenn wir im Rahmen der Kirchenentwicklung 2030 an einer zukunftsfähigen Kirche bauen, einer noch mehr diakonischen/caritativen vielleicht?
 
Am 29. Juni verabschieden wir Sr. Tessy im Gottesdienst. Namasté – mit diesem indischen, Dir heimatlichen Gruß verneige ich mich vor Dir, liebe Tessy und dem Göttlichen in Dir. Ich habe das so oft selbst erleben dürfen, mit welcher Ausstrahlung du auf andere zugehst und ihnen damit Ansehen, Würde und Selbstwert schenkst. Sr. Tessy wird in unterschiedlichen Kontexten Abschied nehmen und es ist abgesprochen, dass danach, ggf. im Herbst, über Abschied hier und Start in Wiesbaden in einem Lioba-Wegweiser berichtet wird.
 
Namasté, diese Geste drückt nicht alleine Begrüßung oder Verabschiedung aus. Die Geste ist auch Zeichen für die Verbindung und bleibende Verbundenheit zwischen Menschen. Das gefällt mir gut und ist noch ein Grund, Dich, Tessy, so zu grüßen.
 
Albert Einstein soll einmal Mahatma Gandhi nach der Bedeutung von Namasté gefragt haben. Der antwortete: „Ich ehre den Platz in dir, in dem das gesamte Universum wohnt. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre den Platz in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide eins sind.“
 
In diesem Sinn: Namasté
Günter Stauß, Klinikseelsorger
 
  

Günter Stauß

Klinik- und Heimseelsorger