Der lange Weg in die Freiheit

14.03.2025 | Leitgedanken

von Pfarrer Thomas Holler

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An Ostern feiern Juden bis heute den Auszug aus Ägypten und die Befreiung aus der Knechtschaft des Pharao. Ihre Vorfahren waren einst nach Ägypten gekommen, um dort eine Hungersnot zu überstehen (vgl. Gen 37 – 50). Mit der Zeit wurden sie jedoch von den Ägyptern beargwöhnt, unterdrückt und schließlich sogar versklavt. Aus diesem Elend konnten sie sich selbst nicht mehr befreien. Umso wunderbarer war für sie die Befreiung durch Gott, der den Pharao zwang, sie ins Gelobte Land heimkehren zu lassen (vgl. Ex 1 – 15). 
 
Die Rettung aus der Sklaverei in Ägypten war die Urerfahrung des Volkes Israel und prägt seinen Glauben bis heute. Die Erinnerung daran wird durch das Paschafest lebendig gehalten und hat schon unzähligen Juden geholfen, schwere Zeiten zu überstehen, im Vertrauen darauf, dass Gott ihr Leid sieht und die Macht hat, sie zu retten.
 
Dieses Gottvertrauen war in der Geschichte Israels immer wieder gefragt. Denn mit dem Auszug aus Ägypten hatte der Weg in die Freiheit erst begonnen. Und er sollte noch sehr lang und schwer werden. Auf dem Weg durch die Wüste und auch im Gelobten Land wurde die Freiheit des Volkes Israel immer wieder bedroht, durch äußere Feinde und innere Probleme. So ist es bis in unsere Zeit geblieben. Denken wir nur an den Holocaust oder an den momentanen Krieg im Gazastreifen. Das Volk Israel musste lernen, dass Freiheit nie ein fester Besitz ist, sondern immer wieder neu errungen werden muss.
 
An Ostern feiern Christen die Auferstehung Jesu und damit die Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde und des Todes. Der biblischen Schöpfungsgeschichte zufolge hätten die Menschen auf Erden wie im Paradies leben können (vgl. Gen 1 – 2). Doch schon bald haben sie sich von Gott abgewandt und eine Kettenreaktion von Unheil und Unrecht in Gang gesetzt, die bis heute nachwirkt (vgl. Gen 3 – 4; Röm 5,12). Seither lebt die Menschheit unter der Knechtschaft der Sünde und des Todes und kann sich daraus genauso wenig selbst befreien wie die Israeliten aus der Knechtschaft des Pharao. Umso wunderbarer ist die Befreiung durch Gott, der das Böse durch seine Liebe besiegt hat (vgl. Joh 3,16; Röm 5,8) und den Tod durch seine Auferstehung (vgl. 1 Kor 15).
 
Die Begegnung mit dem Auferstandenen war die Urerfahrung der Jünger Jesu. Und der Glaube, dass er durch seine Auferstehung Sünde und Tod überwunden hat, prägt den Glauben der Kirche bis heute. Die Erinnerung daran wird durch das Osterfest lebendig gehalten und hat schon unzähligen Christen geholfen, schwere Zeiten zu überstehen, im Vertrauen darauf, dass Christus immer bei ihnen ist (vgl. Mt 28,20) und ihnen zur Seite steht, dass er sie allem Unheil entreißen und in sein himmlisches Reich führen kann (vgl. 2 Tim 4,17 f.).
 
Dieses Vertrauen ist auch bei uns Christen immer wieder gefragt. Denn mit der Auferstehung Jesu hat unser Weg in die Freiheit erst begonnen. Und er wird bis ans Ende der Zeiten dauern. Denn unsere menschlichen Schwächen und Fehler bleiben ja bestehen. Und das Böse ist in unserer Welt nach wie vor am Werk. Denken wir nur an die bedrohlichen Konflikte, Kriege und Terroranschläge, die wir weltweit erleben, oder an die vielen kleinen Bosheiten, mit denen Menschen einander das Leben schwer machen. Auch wir müssen lernen, dass die Freiheit vom Bösen nie ein fester Besitz ist, sondern immer wieder neu errungen werden muss.
 
Früher habe ich mich oft gefragt, ob denn die Menschheit nicht irgendwann aus den Fehlern der Vergangenheit lernt und nach all den schrecklichen Erfahrungen in Geschichte und Gegenwart endlich klug wird. Bislang ist das ja nicht der Fall. Und vermutlich wird es auch nie so sein. Papst Benedikt XVI. hat einmal darauf hingewiesen, dass es in Wissenschaft und Technik einen kontinuierlichen Fortschritt gibt, weil jede Generation auf dem aufbauen kann, was die vorangehende erreicht hat, dass es jedoch im Bereich der Ethik und Verantwortung keinen solchen Fortschritt gibt, weil da jeder Mensch neu anfängt und jede Generation sich gegen das entscheiden kann, was ihr die vorangehende ans Herz gelegt hat. Man kann zwar versuchen, das humane Erbe der Menschheit hochzuhalten und jede neue Generation für das Gute zu gewinnen. Aber das stößt an Grenzen (vgl. Papst Benedikt XVI.: Enzyklika „Spe salvi“, 24-25) und lässt sich nicht garantieren. Umso wichtiger ist für uns die österliche Botschaft, dass das Schicksal der Welt durch Christus bereits zum Guten entschieden wurde, und dass alle, die an ihn glauben, die Macht der Sünde und des Todes letztlich nicht mehr fürchten müssen, sondern in der „Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21) leben können. In diesem Sinne wünsche ich Euch allen frohe Ostern!
 
Euer Pfarrer Thomas Holler
 
  

Dekan Thomas Holler

Leiter der Seelsorgeeinheit
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